Der freie und unabhängige Umweltverein für Landschaftspflege und Artenschutz in Baden-Württemberg.

Womit wir uns beschäftigen: Landschaftspflege/Landschaftsschutz

Thema: Rückzugsgebiet für viele Pflanzen und Tiere - Eine Streuobstwiese im Jahresverlauf
von Michaela Sczech

Vorwort
von Dipl.-Biol. Lothar Maresch

Streuobstwiesen sind wahre Schatzinseln in unserer immer stärker industrialisierten Umwelt. Sie bieten wertvolle Rückzugsgebiete für unsere Flora und Fauna und dienen dem Erhalt von gefährdeten Kulturpflanzen. Der Artenreichtum ist von unschätzbarem Wert für unsere Kulturlandschaft und deren Landschaftspflege.  Diese muss unbedingt erhalten werden. Deshalb kümmern sich Mitglieder des VLABW um diesen ökologisch einzigartigen Lebensraum, den wir Ihnen näher bringen wollen.  Folgen Sie uns auf eine Entdeckungsreise durch die vier Jahreszeiten.

Immer seltener wird der Anblick einer Streuobstwiese. Solch ein Grundstück zu bewirtschaften bedarf viel Zeit und Idealismus. In dieser für sich eigenen Welt die Jahreszeiten zu erleben, die Zweige und den Boden zu riechen und das Leben hierin zu beobachten entlohnt für jegliche Mühe.

 

Das Ende  des Winters, langsam beginnt der Frühling

Noch Anfang März mit Schnee bedeckt, beginnt schon wenige Tage danach, sich das Leben neu zu entfalten. Unzähligen Tieren und Pflanzen bietet die Streuobstwiese Unterschlupf, Nahrung und Lebensraum.

Wichtig für den Erhalt solch einer Streuobstwiese ist der Baumschnitt, der kontinuierlich gemacht werden sollte. Bei alten Bäumen, die bis zu 100 Jahre alt werden können, ist dies gar nicht so einfach. Der Baumschnitt ist die erste große Aufgabe des Jahres in der Streuobstwiese. Vor dem Austreiben der ersten Knospen sollte diese Arbeit erledigt sein. Bei Bäumen  mit übermäßig vielen Wassertrieben sollten nur einige Triebe geschnitten werden.  Im September sollte der Baum dann, mit dem darin befindlichen, überschüssigem Wasser, geschnitten werden.

Über Generationen hinweg werden Obstbäume gepflegt. In den Jahren nach dem Krieg waren diese für die Familien zur Gewinnung von Obst, Most und Apfelsaft eine Delikatesse. Heutzutage ist es eine Lebenseinstellung Apfel- und Zwetschgenkuchen aus dem eigenen Obst zu backen. Auch schmeckt ein Apfelsaft aus eigenem Obst nochmal so gut, wenn man weiß, dass dieses nicht gespritzt wurde.

 
 

Viele Dinge gibt es hier zu entdecken, und jedes für sich eine Kostbarkeit.

Die mageren Wiesen einer Streuobstwiese bieten vielen, mittlerweile selten gewordenen und unter Naturschutz stehenden Pflanzen einen für sie angepassten Lebensraum. Ein wahrer Frühlingsbote ist die geschützte Hohe Schlüsselblume, Primula elatior. 1)

Viele Kräuter gibt es hier zu entdecken. Im zeitigen Frühjahr das Scharbockskraut, Ranunculus ficaria, welches sehr viel Vitamin C enthält. Früher aß man sie gegen Skorput. Mit fortschreitendem Wachstum nimmt jedoch der Gehalt an Protoanemonin und daher die Giftigkeit der Pflanze zu. 1)

 
 

Gewöhnliche Gundermann, Glechoma hederacea ist eine aromatisch riechende Pflanze. Sie enthält ätherisches Öl, Gerb- und Bitterstoffe. Bis zum Reinheitsgebot von 1516 diente sie den Bierbrauern an Stelle von Hopfen. Die Volksmedizin verwendet sie unter anderem gegen Durchfall und Husten.
Das Kraut kann in der Küche für Salate, zu Quark oder als spinatartiges Gemüse verwendet werden1)

Fast das ganze Jahr über zu entdecken ist das Gänseblümchen. Bis zu -15°C kann es bei trockener Luft ertragen. Nachts und  bei kühlem Wetter schließen sich die Körbchen. Nach kalten Nächten färben sie sich rötlich. 1  Es enthält wertvolle sekundäre Pflanzenstoffe wie Saponine, ätherische Öle, Gerbstoffe und Flavonoide. Es wirkt blutreinigend, schleimlösend und wassertreibend. Dieses Kräutlein kann in der Küche vielseitig verwendet werden.2)

 
 

Die Ruhe des Winters ist vorbei, das Leben in der Natur beginnt sich neu zu entfalten. Die Singvögel füllen die Luft mit ihrem Gezwitscher aus. Die Zugvögel kommen aus ihren Winterquartieren zurück. Ein Rotmilan-Paar wird beobachtet, wie es über die Wiesen und Äcker streicht als wenn es seinen angestammten Platz wieder einnimmt.

Der Frühling zeigt sein schönstes Bild

Nachdem nun die letzten Fröste das Land überzogen hatten, wird es Zeit für die Blüten sich in Szene zu setzen. Nachdem es in diesem Jahr bereits im April schon sehr warm wurde, konnte man froh sein, dass es sich bei diesen älteren Apfelsorten um eher später treibende Bäume handelt. Die Fröste wurden überstanden und die meisten Blüten kamen erst nach den letzten kalten Nächten heraus. Lediglich bei den Zwetschgen könnte man annehmen, dass fast alle Blüten erfroren sind. Der Herbst wird zeigen, wie die Natur damit umgehen kann.

  Frühlingswiese
Blüte und Biene  

Die ansteigenden Temperaturen locken alle Tiere aus ihren Verstecken. Singvögel sind eifrig auf der Suche nach einem geeigneten Nistplatz. Bienen, Hummel und andere Insekten begeben sich fleißig auf die Nahrungssuche. Die Apfelblüten locken vor allem Bienen an, die nach den langen Wintermonaten dringend Nahrung für Ihren Bienenstock benötigen. Die Hummeln besuchen aber auch den wohlduftenden Günsel für ihre Nahrungssuche.

Der Scharfe Hahnenfuß Ranunculus acris prägt im Mai das Bild auf unserer Streuobstwiese. Wird die Pflanze verletzt entsteht Protoanemonin, welches sich beim Trocknen zu Heu in das ungiftige Anemonin umwandelt. Die Pflanze ist einer der Auslöser von Wiesendermatitis. 1)

 

Hummel

 

 

Hahnenfuss

 

Wie auch der Hahnenfuß ist die Rote Lichtnelke Silene dioica, hauptsächlich im Mai zu sehen. Sie kann jedoch bis in den September vorkommen. Diese, nicht duftende Blume wird hauptsächlich von Tagfaltern und langrüsseligen Hummeln besucht. Eigentlich verbreitet von der Ebene bis ins Gebirge1, ist dieser Farbtupfer nur noch auf Wiesen zu finden, die nur 1-2mal pro Jahr gemäht werden.  Auf intensiv genutzten Wiesen ist sie nicht mehr zu entdecken.

  Rote Lichtnelke
Wiesenglockenblume  

Die Wiesenglockenblume Campanula patula entleert ihre Staubblätter bereits in der geschlossenen Knospe. Insekten, die Nektar saugen, beladen sich mit Blütenstaub noch ehe die Narben auseinanderspreizen. Die Wiesenglockenblume ist eine zweijährige Pflanze und blüht von Mai bis Juli. 1)

In der untersten Etage der Streuobstwiese ist der Hopfenklee Medicago lupulina zu finden. Diese ein- bis zweijährige Pflanze kommt meist in Kalk- und Lehmgebieten vor. Sie ist eine Pionierpflanze auf mäßig trockenen, basenreichen Böden. Es handelt sich hier um eine ein- bis zweijährige Pflanze. 1)

  Hopfenklee
Gesunde Blumenwiese  

Das war nun der Frühling auf unserer Streuobstwiese. Eine Vielfalt die seines gleichen sucht, die jedoch auch andernorts wieder Rücksicht finden sollte, um den Tieren und Pflanzen einen Lebensraum zu ermöglichen. Bei den meisten Pflanzenarten handelt es sich um ein- bis zweijährige Pflanzen, die auf das stetige Versamen angewiesen sind. Binnen weniger Jahre sind sie verschwunden, wenn ihnen diese Möglichkeit genommen wird.

     

Der Sommer lässt die Früchte wachsen

   

Trotz des Landauf / Landab zu hörenden schlechten Frühjahrs für Obstbäume haben unsere Bäume allesamt Äpfel angesetzt und wir können auf unseren gewohnten Apfelsaft und unsere Lageräpfel hoffen.

Mitte Juni ist das Gras so hoch gewachsen, dass man nur noch hüfthoch hindurch gehen kann.
Jetzt bietet die Streuobstwiese Unterschlupf und Lebensraum für sehr viele Tierarten. Eigentlich möchte ich gar nicht so genau wissen, welche Arten hier ihren Lebensraum haben, denn ich würde sie nur stören. Der erste Schnitt der Wiese sollte nicht vor Ende Juni / Anfang Juli gemacht werden, um die Kinderstube der hier lebenden Arten nicht zu stören.

  Sommerwiese
Wiesen Pippau  

Die Wiesen Pippau Crepis biennis, deren Früchte werden gerne von Vögeln gefressen. Diese Pflanze erträgt keine Beweidung. Wird eine Wiese nicht nur gemäht, sondern beweidet, verschwindet diese. Von Mai bis August ist diese Blume zu finden.1)

Sehr begehrt bei den „schwarz gefärbten Blutströpchen (Schmetterlingsart)“ und kleinen Käfern ist die Wiesen-Witwenblume Knautia arvensis. Vorkommen von Juli bis August. 1)   Wiesen Witwenblume
Ruprechtskraut  

Im tiefen Gras zu finden, klein und zart, der Stink-Storchschnabel Geranium robertianum, auch Ruprechtskraut genannt. Die Samen werden bis zu 1,8m hoch geschleudert. Die ätherischen Öle können Motten und Fliegen vertreiben. Das Kraut galt früher als blutstillend und wundheilend. Diese einjährige Pflanze blüht von Mai bis Oktober.1)

Eine hellblaue Augenweide ist der Wiesen-Storchschnabel Geranium pratense. Jede Blüte ist 2 Tage geöffnet und lockt Bienen und Schwebefliegen an.1)

Die nach unten gerichteten Haare an den Blütenstängeln sollen hinaufkletternde Insekten zurückhalten.

  Wiesen-Storchschnabel

Spätsommer und Herbstanfang

   

Die Tage werden wieder kürzer und das Wachstum der Pflanzen wird langsamer. Die Blumen auf der Streuobstwiese sind nicht mehr so zahlreich, aber deswegen nicht weniger interessant.

  Wiese
Himmel  

Im ersten frischen Herbstwind zieht der Rotmilan seine Runden. Beobachtet die Wiesen, auf der Suche nach Nahrung. Je nach Witterung und Nahrungsvorkommen erstreckt sich sein Aktionsraum von 9 bis zu 120 km². Aus einer Höhe von bis zu 1,2 km entscheidet er sich, wo er auf Beutejagd geht und überquert hierbei mehrere Täler und ganze Landstriche.  

Von Mai bis September blüht der Mittlere Wegerich Plantago media. Seine Blüten duften und die Blätter ähneln einem Fußabdruck und weisen eine sehr hohe Festigkeit auf. Selbst wenn ein Blatt auseinandergezogen wird, bleiben die Blattadern als dünne Fäden stehen.1)   Wegerich
Taubenkopf-Leimkraut   Das Taubenkropf-Leimkraut Silene vulgaris, dessen lateinischer Name geht auf die griechische Mythologie zurück geht (Silen=dickbäuchiger, kahlköpfiger Begleiter des Dionisos). Der bauchige Kelch dient den reifen Kapseln als Windfang.1)
Auch bei dieser Heilpflanze kommen wir in die griechische Mythologie. Die Wiesen-Schafgarbe Achillea millefolium enthält ätherische Öle wie die Echte Kamille. Sie wird als krampflösende und appetitanregende Heilpflanze geschätzt. Achilles, der Held von Troja, soll Wunden mit dem Kraut geheilt haben.1)   Scharfgarbe
Aepfel  

Die Äste der Apfelbäume werden schwerer und gehen immer mehr nach unten. Aber die Äpfel sind noch fest am Stamm. Es braucht noch einige Wochen, bis sie reif sind und geerntet werden können.

 

Der goldene Herbst - Erntezeit

   

Schon im August beginnt die Ernte der gelben Pflaumen, im September folgen die Zwetschgen. Doch bei diesem Steinobst hatten wir dieses Jahr nicht viel Glück. Das Wetter im Frühjahr spielte bei diesen Früchten leider nicht mit.

  Herbst
Äpfel  

Jedoch ist die Ernte bei den Äpfeln umso erfreulicher. Auch viele Singvögel nehmen an dem Schlemmer-Mahl teil. Einige Äpfel sind angepickt, selbst der ein oder andere Wurm wird aus seinem Versteck genascht.

Äpfel    

Das Beste bei der Ernte ist, vollmundig in einen frischen Apfel vom Baum zu beißen. Apfelsaft, aus nicht gespritzten Äpfeln pressen zu lassen, ist dann der Abschluss der Saison in der Streuobstwiese.

  Ernte
     

Somit möchte ich mich zu diesem Jahresablauf von Ihnen verabschieden. Nehmen Sie den Lebensraum wahr, in dem wir leben. Schauen Sie hin, wenn Sie solch eine Naturinsel entdecken. Überlegen Sie, wie viele Arten hiervon und hierin einen Lebensraum haben. Zeigen Sie ein wenig Respekt vor der Arbeit, die diese Landschaftspflege erfordert.
Pflanzen Sie einen Apfelbaum und lassen Sie der Natur Platz, sich zu entfalten. Aber pflücken Sie nicht anderer Leute Früchte, machen Sie sich selbst die Mühe. Es lohnt sich, in unserer schnelllebigen Zeit einen ruhigen Platz und Anker zu haben.

Ihre Michaela Sczech

   
    Literaturverzeichnis:

 

 

1) Fachliche Namen und Erklärungen aus: „Was blüht denn da?“ von Margot Spohn, Marianne Golte-Bechtle, Roland Spohn
2) Fachliche Namen und Erklärungen aus: „Die Streuobstwiese“ von Cornelia Blume

Fotos: M. Sczech

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